Noch am Sterbebett seiner Mutter verspricht der kindliche Yu, seine Maria ihr vorzustellen. Doch dieses Versprechen ist schwieriger einzulösen als erwartet. Erst nachdem sein Vater, ein motivierter christlicher Pastor, den Weg der Sünde einschlug, folgt er diesem auf dem dunklen Pfad. In dieser schuldigen Zeit, gerüstet mit der Erbsünde, lernt der nun schon 17-jährige Jüngling die schöne Yoko kennen. Doch bevor das junge, sich liebende Pärchen den Weg zueinander findet, müssen Süchte, Sex und Religion überwunden werden ...
Japan – eine Filmkultur, welche ein anderes Bildnis der Welt präsentiert. Die visuellen Exporte jenes Landes sind seit Jahrzehnten unter den essentiellsten Beiträge der neunten Kunstform. Erst dieses Jahr hat das Land der aufgehenden Sonne die goldene Statuette für ihre sensible Tragikomödie Okuribito gewonnen. Doch Sion Sono präsentiert mit Ai no mukidashi seine ganz eigene Vision Japans.
Wenn man an das heutige Japan denkt, hat man das Bild eine der extremsten Gesellschaften des Globus im Kopf. Die schrecklichen U-Bahn-Terror-Anschläge der 1990er schwirren im Gedächtnis. Der Verlust des Körpergefühls als Konstante in der Medienwelt der Jugend. Und eine überaus freizügige Haltung zur Sexualität. Genau in diese Kerbe schlägt Sion Sono mit ekstatischem Genuss. Schon seine letzten Arbeiten, wie das berüchtigte Suicide Circle, zeigen knallharte Analysen der heutigen japanischen Gesellschaft, die mit extremsten Mitteln das Gewand eines exzentrischen Gebildes herabziehen. Der Oscar prämierte Departures ist zwar eine gute, liebe Tragikomödie, welche aber in äußerst konventionellen Gefilden schwimmt. Demgegenüber kann Sion Sonos neuester Streich das berüchtigte andere „K“ erreichen: Kontrovers. Love Exposure zerreißt sein Publikum nicht nur in zwei große Lager, die Hasser und Anhänger, sondern der Film kann sogar den einzelnen Zuschauer innerlich zerfetzen. Das 247-minütige Epos hat Teile, die man liebt. Manche Parts sind verachtenswert, von anderen wiederum wird man in eine dunkle, triste Welt verführt. Love Exposure ist im besten Sinne einer höchst infektiösen Krankheit gleich: Sie bricht aus, reißt einem mit und zerrt einem in Richtungen, die nicht erahnt werden können. Sion Sono zeichnet hier innerhalb von 3 Wochen Drehzeit eine wilde, brutale Skizze und schüttet sie mit Farbe voll. Die beinahe vier-stündige Erzählung lässt in diesem Zustand des artistischen Höhenflugs kaum eine Seele unbefangen von seiner intensiven Materialität.
So doch nun genug mit der Komplimentskleckerei. Hinter der bombastischen Fassade von Ai no mukidashi verbergen sich auch dunkle Seiten, die man nicht unerwähnt lassen sollte. In den beinahe vier Stunden verstecken sich zahlreiche kleinere und längere Längen, die den Schwung aus den Flügeln Amors nimmt. In manchen Kapiteln bremst sich das Spektakel der Liebe in seiner opulenten Erzählstruktur und wird den einen oder anderen Zuschauer zu seinem geliebten Uhrwerk greifen lassen, um sich eine kurze Sehpause von der Leinwand zu gönnen. Besonders die ersten 30 Minuten bedeuten qausi eine Überwindung und Überprüfung seiner eigenen Urteilsfähigkeit. In dieser Anfangs“epoche“, welche stark exposeartig aufgebaut ist, muss Regisseur Sion Sono erst eine gewisse Dynamik für sein Werk aufbauen, damit sich jene genial dramatischen und humorvollen Sequenzen ihren Sinn entfalten können. Somit sind diese Szenen, welche den ausführlichen Prolog umfassen, die größte Schwäche des Gesamtwerkes, die eine Hand voll Zuschauer vielleicht schon aus ihren Sitzen jagen könnte. Doch die Willenstarken der Auditoriumsbevölkerung können sich mit Ai no mukidashi und dessen überaus gekonnter weiteren Erzählung belohnen lassen. Und hier findet sich zugleich auch die größte Stärke dieses Meisterwerks. Ein einziges Wort: Hassliebe. Wir wollen nicht mehr ewig gleiche, liebenswerte Hollywood“meilensteine“, die sich unsere Liebe mit hübschen Bilderchen und einer geglätteten Erzählung erkaufen. Love Exposure ist rau. Rau. Rau. Und nochmals rau. Sion Sono will es uns nicht leicht machen – und das ist unser Glück. Hiermit präsentiert Sion Sono einen ungeschliffenen Diamanten, der gerade dank seiner rauhen Gewalt funkeln kann. Der beste Film des Jahres, weit entfernt jeglichen Alltagskinos.
Fazit:
Romeo und Julia auf Ecstasy. Sion Sonos Love Exposure hasst und liebt man zugleich. Das irrsinnige Liebes-Epos ist langweilig, lustig, witzig, öde, romantisch, tragisch, krank, ekelhaft, überraschend, lahm, langatmig, impulsiv, exzentrisch und kurzum einfach ein Meisterwerk. Kein anderer Kinofilm hat dieses Jahr auch nur nahezu dieses Gefühlsspektrum in dem Inneren seiner Zuschauerschaft evozieren können. Ai no mukidashi ist ein Meilenstein, welches sicherlich seinen Platz in der Geschichte der visuellen Kunst einnehmen wird!
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