Nachdem die deutsche Regie-debütantin Maren Ade in ihrem letzten Film die Bildungsanstalt für sich zu ergründen versuchte, verschrieb sie sich in ihrem neuesten Streich gänzlich einer einzigen Thematik. Der natürlichsten Sache der Welt. Nein, nicht dem Sex, sondern der unbezwingbaren Liebe – oder vielleicht eher einem gesellschaftlichen Konstrukt, dem wir jenen Namen gaben.
Es schauert in der hitzigen Küstenlandschaft von Siziliens. Zwar setzen die Filmbilder einen fiktiven Sonnenschein und absolutes Urlaubsfeeling in die Köpfe der Zuschauer, doch diese Fassade durchbricht Regisseurin Ade liebend gerne. Gewappnet mit ihrem eigenen, exzellenten Drehbuch zieht die junge Regisseurin in den Kampf gegen die gängigen Klischees Hollywoods. Das Ergebnis: Ein interessanter, wenn auch nicht überragender Film. Alle anderen ist zunächst einmal ein lebendig geschriebenes Werk, dessen Dialoge genauesten pointiert geplant sind. Man muss hier echt Maren Ade für ihr spitzfindig verfasstes Skript danken, da dies sichtlich einen der Höhepunkte der Produktion darstellt. In den meisten Situationen vieler Filme wirkt die Sprache einem Wasserfall gleich. Strahlt sie auch äußerlich eine gewisse Schönheit aus, verweilt sie für den Menschen in einer Lage, die nicht zu erschließen ist. Der fluide Zustand birgt den Pathos des Klischees in sich. Konträr zu dieser Methodik nun zu Alle Anderen: Den Darstellern ist vieles erlaubt: Sie reden, sie schwäzen, sie albern. In diesem Rausch der Silben bleibt wenig im Kopf der Zuschauer hängen, doch: That's Life. Das Wort wird radikal emanzipiert. Es verliert seine pathetische Gestalt und kann in seinen Ursprung zurückkehren, um eine unglaubliche Lebendigkeit auszustrahlen. Die Dialogzeilen des Films sind von jeglicher überheblichen, künstlerischen Künstlichkeit getilgt worden, welche seine kultivierte Form evozieren sollte. In diesem ungeschliffenen, rauen Zustand wirkt Alle Anderen höchst lebendig, welche schließlich von der atmosphärischen Kameraarbeit noch forciert wird. Ein Genuss sondergleichen.
Doch genug mit den wohl klingenden Worte. Ich nahm zunächst jene Doppelartigkeit der Produktion in den Mund, auf die ich mich jetzt wieder beziehen werde. Alle Anderen ist wie der trügerische Schein der Sonne in seiner Erzählung. Es gibt mindestens zwei Schichten, zwei Seiten, die sich konträr zeigen. Selbst das irrsinnig keck klingende Drehbuch birgt seine Heimtücke, wenn es erstmal auf die Leinwand transformiert wurde. Und hier liegt jener Schatten, den die wunderbar vitalen Dialogzeilen zu verdecken versuchen. Die Dramaturgie eines Filmes ist eine tückische Angelegenheit. Wenn der Autor versucht nach Schema F die typischen Wendepunkte zu setzen, die How-To-Guides für einen vorbereiten, dann wird die Produktion von der Kritik in seine Einzelteile bombardiert, bis nicht mal mehr ein Wölkchen von dessen Existenz zeugen könnte. Wenn das Gegenteil eintrifft, handelt es sich um einen Kunstfilm. Die akribische Missachtung jeglicher Regelierung des Geschehens wird zu einer künstlerisch wertvollen Eigenschaft eines intensiven Kammerspiels betrachtet. Der schreibende Kritiker stellt sich vehement gegen diese Gesinnung. Eine dramatische Treppe existiert seit den frühesten Geschichten des Menschen, welche spätestens schon Aristoteles in seiner Poetika theoretisierte. Um unvorhersehbarer zu werden, um den Zuschauer in die Irre zu leiten, entschied sich Maren Ade dafür, die meisten der „stereotypen“ Plotpoints einfach zu zerquetschen. Oft klappt das Verfahren, doch leider öden zugleich einige Stellen das Publikum einfach nur an. Rendundanz schleicht sich in den Plot. Hiergegen können auch jene erstklassigen Edelmimen nichts aufbringen, die gekonnt die wohl klingenden Worte dem Zuschauer näher bringen. Alle Anderen strahlt eine unglaubliche Vitalität aus, doch wer in dessen Schatten blickt, findet ein Friedhof der Regulierungen, die dem Produkt an manch einer Stelle sicherlich tut getan hätte.
Fazit:
Maren Ades neuster Streich ist eine zwiespältige Angelegenheit. All Anderen ist alles andere als ein gewöhnlicher Film. Seine Atmosphäre und Herangehensweise an das Themenkomplex der Liebe erhebt ihn über den allgemeinen Liebesfilmtrott. Doch gleichzeitig zerfällt das Amusement in dem Arangement der Beziehungsgeschichte in seine Einzelteile. So bleibt das etwas unkonventionelle Liebesdrama ein mit herausragenden Schauspielern gespicktes Epos Amors, welches aber streckenweise in seinen Kindesflügeln stecken blieb.
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