Für Regisseure sind Biopics Versuchung und Risiko zugleich. Natürlich bietet so manche Person mit ihrem aufregenden Leben mehr Pepp, Action und Natürlichkeit als die meisten Drehbücher und nicht umsonst ist die Redensart „Das Leben schreibt die besten Geschichten“ jedermann bekannt. Andererseits setzt er sich der Gefahr aus, zu viele Facetten der Lebensgeschichte auf mehr oder weniger 120 Minuten Film zu pressen. Das widerum wirkt dann zusammengestöpselt und oft oberflächlich. Keine Angst: Public Enemy No. 1 schlägt ganz und gar nicht in diese Kerbe.
Der Filmemacher Jean-Francois Richet gibt sich bei der Verarbeitung des Lebens von Mesrin deutlich mehr Zeit: Er unterteilt die Geschichte in zwei Teile und muss so weniger fix durch 63 Jahre Lebensgeschichte hetzen. Zuletzt versuchte er sich 2005 an einem Remake des Cronenberg-Klassikers „Assault on Precinct 13“, welches nicht nur aber auch aufgrund zu vieler Modifikationen am Ausgangsmaterial eher misslang. Daraus scheint er die richtigen Schlüsse gezogen zu haben.
Richet zeigt das Vitae von Frankreichs größten Verbrecher des vergangenen Jahrhunderts weitestgehend wertfrei und verfällt weder der Versuchung der Heroisierung einerseits oder der Dämonisierung andererseits.
Behutsam legt er in 114 Minuten seine Sicht des charismatischen Bösewichts dar und bedient sich
zusammen mit Kameramann Robert Gantz, mit dem er bereits bei seinem letzten oben erwähnten Film zusammenarbeitete, gekonnt den verschiedenen handwerklichen Möglichkeiten des Kinos. Er wechselt im passenden Moment von langsame auf schnelle Einstellungen und zurück, verzichtet bei zunehmender Unruhe seines Hauptprotagonisten auf ein Stativ und verschließt sich auch vor modernen Techniken des (Action-)Kinos – Stichwort: Splitscreen – nicht. Das trägt nicht nur zur Atmosphäre bei, sondern lässt Vincent Cassel als Jacques Mesrin stets authentisch und gleichermaßen menschlich wirken. Auch der Score darf als gelungen bezeichnet werden. Er ist modern, überlegt eingesetzt und neben eigens komponierter Musik erwies sich die Wahl bestimmter Liedstücke als gekonnt: Tammy Wynette's Spätsechziger Kracher „Stand By Your Man“ passt einfach großartig zu der Szene als Cassel und De France auf einer Straße inmitten der Wüste Arizona's von sechs Polizeiautos verfolgt werden.
Nicht nur die Crew, sondern auch der Cast von „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ weiß zu gefallen. Neben dem großartigen Hauptdarsteller Vincent Cassel, dem man den charismatischen Gangster auch schon in „Derailed – Entgleist“ sofort abnahm wissen auch mit etwas Abstand Cécile De France (L'auberge espagnole), der Kanadier Roy Dupuis – der einen Anhänger der „Befreiungsfront von Quebec“ mimt – und Altmeister Gérard Depardieu als Gangsterboss Guido zu überzeugen. Doch sie alle werden von Cassel an die Wand gespielt. Beeindruckend, welch mimische Ausdruckskraft der Franzose in sich birgt und mit welch Klarheit man seinen Gemütszustand an seinen Augen ablesen kann. Die Transformation vom respektierenden Familienvater Jacques Mesrin bishin zu seinem brutalen Mr. Hyde vollzieht sich binnen einer Sekunde.
Alles gut? Nein. Recht schnell wird klar, dass der Zweiteiler als eine stetige Climax zu begreifen ist. Teil zwei ist das zu Beginn des Films skizzierte große Finale vorbehalten. Gerade zu unterstrichen wird das von einer Art Trailer zu „Public Enemy No. 1 – Todestrieb“ kurz vorm Abspann. Das Drehbuch des hier besprochenen Films gibt für einen sehr guten eigenständigen Actionfilm / -thriller zuwenig her. Immer wieder durchziehen kleinere Längen den Streifen, auf Spannungsmomente folgen jene der Ernüchertung. Höhepunkte sind zu zahlreich um besonders zu wirken, wohlgleich die Geschichte zwar stets nett, doch selten besonders inszeniert ist. Für einen Film, der unterhalten möchte ist Befriedigung ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung. Doch diese stellt sich nach dem Abspann nicht ein. Vielmehr vermittelt der erwähnte „Trailer“ Momente jener Rasanz und Spannung, die in „Public Enemy No.1 – Mordinstinkt“ zwar vorhanden jedoch rar sind. Diese Art an Spannungshöhepunkt am Ende mag bei einer TV-Serie als Qualitätsmerkmal gelten, bei einem Kinofilm darf das je nach Geschmack aber als störend bezeichnet werden.
Jean-Francois Richet macht bei diesem Film vieles richtig. Handwerk und Schauspiel überzeugen, der Plot ist weitgehend interessant und mitunter spannend, doch ohne Showdown, dafür mit einem anregenden Trailer den Kinosaal zu verlassen dürfte nicht den Geschmack eines jeden Kinogängers treffen.
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