Im Leben ist nicht immer alles Etepetete - in Kammerflimmern auch nicht
Hendrik Hölzemann war bis 2004 bei Filmen ausschließlich für das Drehbuch verantwortlich. Mit Kammerflimmern verlässt er nach dem fertig gestellten Drehbuch den Schreibtisch und nimmt erstmals auch auf dem Regiestuhl Platz. Mit im Gepäck die deutsche Nachwuchshoffnung Jessica Schwarz, der er bereits 2001 die weibliche Hauptrolle für "Nichts Bereuen" geschrieben hat. Als männliches Pendant in der deutschen Jungschauspiellandschaft darf Matthias schweighöfer gesehen werden, der schon 2000 mit seiner ersten Kinorolle in Die Freunde der Freunde zusammen mit Schwarz vor der Kamera stand.
Kammerflimmern ist ein Drama mit teils stark romantischen Elementen. Hölzemann inszeniert in knapp 90 Minuten eine Geschichte rundum den jungen Crash, der seit früher Kindheit ein Trauma mitschleppt, sich am frühen und brutalen Tod seiner Eltern (mit)schuldig fühlt und nun als Sanitäter bei der Rettung Menschen helfen will, weil er es seinen Eltern nicht konnte. Was sich zunächst nach einer Dutzend Mal gesehenen Geschichte eines einsamen Wolfs, der durch einen Schicksalsschlag nun seinen "Fehler" wieder gut machen möchte anhört, gewinnt durch Hölzemann's ansatzweise dokumentarischen Blick auf den Rettungsalltag und das Kölner Milieu an Eigenständigkeit. Die Geschichte spielt sich zunächst auf drei Ebenen ab: Crash's Leben als Sanitäter, seine Albträume in Form von Rückblenden auf den Unfall und was danach war und der skizzierte Eingang von November in die Handlung und Chrashes Leben. Die Mittel, denen er sich beim Verknüpfen dieser Elemente bedient sind nur allzu bekannt. So bilden entweder ein Tag- (Ein Szene oder ein Gegenstand, der ihn an seine Kindheit erinnert) oder nachts ein Albtraum den Ausgangspunkt einer Erinnerungssequenz und ein zufälliges im Auto aneinander Vorbeifahren bildet den Übergang zu bis dato unbekannten November.
Es geht im Leben nicht um Liebe - in Kammerflimmern auch nur selten
Hölzemanns Figuren sind alles andere als sauber. Vielmehr werden ihre Schwächen aufgezeigt, ohne den Versuch zu Erklären, warum sie denn nun nicht perfekt sind. Es scheint als wolle Hölzemann so seinen Charakteren Tiefe verleihen. Fido betrügt seine Frau mit der Notärztin ("Dr. Tod"), Kollege Richie kokst vor Dienstantritt und Oma Crash bezeichnet Gott gar als "sadistisches Schwein" und wo keine Zeit ist für eine Hintergrundgeschichte schafft ein best. Bild in einer Rückblende Abhilfe. So erzählt November Crash von ihrer ersten Begegnung mit ihrem Freund Tommy, der ein Muscle-Shirt mit der Aufschrift "Suicidal Tendencies" trägt. Nichts ahnend, dass er sich später einen Goldenen Schuss setzen wird. Tod sorgt für Vitalität. Diese Botschaft drängt sich einem in Kammerflimmern auf. November erzählt einmal weinend, dass Tommy tot und sie sich seit dem so lebendig fühlt. Auch am Ende der grandiosen Hochhausszene - eines der Highlights im Film- verlässt Crash irgendwie erleichtert und energiegeladen das Gebäude, obwohl er kurz zuvor scheiterte, das junge Mädchen am Selbstmord zu hindern. Weiter ausgeführt wird diese "Theorie" aber nicht. Bei Kammerflimmern krankt es allgemein an der Oberflächlichkeit. Zu viel an Handlung hat sich der Drehbuchautor da vorgenommen. Zu viel muss da noch erzählt und dort noch ergänzt werden. Eine wirkliche Tiefe ist ebenso selten auszumachen wie ein Spannungsbogen, der trotz mehrmaliger Aufbauversuche jäh durch Schauplatz- und Charakterwechsel unterbrochen wird. Der Schnitt ist oft stümperhaft und kommt selten über das Niveau einer TV-Produktion hinaus. Dazu gibt es einfach viel zu viel ungewollt "harte" Cuts. Der Score hingegen ist wohl gewählt und gut eingesetzt und pendelt zwischen Indiepop/rock und programmatischer Elektronik, deren Rhythmus stets an das Schlagen eines Herzens erinnert.
Einatmen - Ausatmen
Das größte Plus in Kammerflimmern ist die Besetzung. Schweighöfer und Schwarz harmonieren prächtig und spielen auch für sich großartig und helfen so im Nachhinein über die vorhandenen Schwächen im Drehbuch und im Schnitt ein klein wenig wegzusehen. Ganz lässt sich aber das Gefühl, nach 90 Minuten nicht wirklich zu wissen was man gerade gesehen hat, nicht abschütteln. Zu eklatant oberflächlich ist die Geschichte aufbereitet. Die Vielzahl an unfertig erzählten oder unausreichend geschilderten Handlungselementen lassen ein klar abgestecktes Gesamtbild schmerzlich vermissen. Dabei wäre Kammerflimmern doch so gerne ein anspruchsvoller Film mit vielen ambitionierten Ideen. Dank der beiden Hauptdarsteller ist der Gesamteindruck noch überdurchschnittlich und dem Genre-Liebhaber in jedem Fall an die Herzkammern zu legen. Flimmern ausgeschlossen.
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