Die Zeiten sind rau. Verstört von den militärischen Aktionen der letzten Jahre. Gefährdet von Wahnvorstellungen einiger Weniger. In die Enge getrieben von der finanziellen Lage. Es ist eine Ära der zerstörten Träume. Ein riesiger schwarzes Loch der Verunsicherung – und dies spürt man bis hinab in das Gerippe der Traumfabrik. In den zitternden Knochen Hollywoods.
Es ist schon eine schöne Weile her, dass sich so viele politische Filme in den amerikanischen Spielhäusern um deren Gunst stritten – und heuer natürlich weiters auch um die begehrten, güldenen Jünglingen. Auffallend bei dieser Tendenz in der heutigen Szene der visuellen US-Kunst ist das starke Zuwenden zu der eigenen Vergangenheit. Der Fokus ist unglaublich intensiv auf die Mechanismen vergangener Tage der (republikanischen) Unterdrückung. Filme wie Frost / Nixon oder Milk wenden sich der gesellschaftlichen Vergangenheit zu, um sich in den kafkaesken Gängen des Labyrinths namens „Lebens“ zurechtzufinden. Regieass Gus Van Sant nahm sich der intensiven und kurzen politischen Arbeit von homosexuellen Aktivist Harvey Milk an. Bei dieser Zuwendung an das Sujet ist besonders der Zugang, den der Filmemacher hier einschlägt, vom höchsten Interesse. Gekonnt jongliert Van Sant mit unterschiedlicher Regiestilen, verbindet ganz lapidar filmische Nachahmungen mit realen Zeitdokumenten. Es ist jene Einfachheit, in der doch eine tiefgründige Komplexität verborgen schlummert. Seine Bilder erinnern in der Konstruktion – und hier spürt man eine interessante Ader – sowohl an jene ästhetisierte Hollywoodschönheit, die Gus Van Sant besonders in seiner Schaffensperiode der 90er einsetzte, als auch diese ganz eigene, künstlerische Ästhetik der Independentszene, durch welche der Regisseur ebenfalls seine Filmografie gestaltet. Diese Dichotomie zwischen den beiden Polen ermöglicht einen eindringlichen, harmonischen Erzählfluss, der in kaum einem Moment abebbt.
Eine nähere Betrachtung des Dokumentarfilmeinsatzes von Van Sant scheint mir an dieser Stelle für angebracht. Schon andere Filme wie das schon genannte Frost / Nixon oder Good Night, and Good Luck. nahmen sich ihrem Sujet via originären Aufzeichnungen an. Doch bei jenen ist das Thema in seinen tiefen Wurzeln völlig von dem Medium Fernsehen eingenommen. In diesen Filmen ist es kein Zufall, dass sich die rauen, unschönen Bilder der Vergangenheit so stark in die visuellen Nerven des Zuschauers regelrecht einbrennen. Jener ganze Gedankenkonstrukt entsteht aus der Idee des Medienkonglomerats, welches sich wie Luft um den Menschen ausbreitet. Dieser Sachverhalt dreht Van Sant geschickt um. Er zeigt keine Medienbilder, er zeigt die Welt in seiner Schonungslosigkeit. Ihm interessiert es nicht, dass sich simple Manipulation hinter den artifiziellen Bildern verstecken könnte. Für ihn sind sie der reinste Ausguss des Zeitgeistes jener Epoche. Statt es seinen Vorgängern gleich zu machen und sein Thema der Flimmerkiste zu unterjochen, ergreift der Filmer in Milk die Oberhand und unterwirft das Fernsehen seinem eigenen Gedankengut. Gus Van Sant entreißt den Bildern ihren Schein und stellt sie als die absolute Realität dar – eine furchtbar triste Wirklichkeit. Der Regisseur verwandelt mit der beschriebenen Dreifaltigkeit die Geschichte um den berühmten Politiker in ein einschneidendes Porträt einer faschistoiden Zeit.
Fazit:
Mit einer wahrlich erstaunlichen Regie verführt Meisterregisseur Gus Van Sant sein Publikum in die wilden Siebziger, als die Menschenmassen aneinander prallen. Milk ist ein beeindruckendes Porträt einer Figur und einer Epoche.
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