In der indischen Ausgabe von WER WIRD MILLIONÄR nähert man sich der finalen Frage. Noch eine richtige Antwort und der Spieler gewinnt einen unglaublichen Betrag von 20 Millionen Rupien. Doch der Fragesteller, der Moderator dieser berühmten Sendung Kumar Prem, wittert Betrug. Er kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sein Gegenüber alles weiß. Jamal Malik aus Mumbai wirkt schüchtern, unerfahren und viel zu jung, um alle diese schwierigen Fragen rechtgemäß zu beantworten. Außerdem war Kumars Weg nach oben viel steinig und schwer, um aus den Slums kommenden Jamal einen plötzlichen Reichtum zu vergönnen. Bevor die allerletzte Frage ausgesprochen werden kann, ist die Sendezeit zu Ende und die Entscheidung wird vertagt. Als die grellen Scheinwerfer aus gehen, und Jamal das Fernsehgebäude verlassen will, steht die Polizei vor der Tür und führt ihn ab. Die Produktion hat dem zuständigen Präsidium ihren Verdacht des Betrugs geäußert. Und so wird der Kandidat auf das Revier gebracht und während der folgenden Nacht auf indische Weise, die Folter vorsieht, verhört. Ihm soll der Betrug bewiesen werden, in dem man die gestellten Fragen während der vergangenen Sendung hinterfragt. Doch immer näher rückt die Vermutung, dass alles mit rechten Dingen zuging. Sogar Jamal zeigt sich über sein bemerkenswertes Wissen überrascht. Letztendlich ist der Inspektor von seiner Unschuld überzeugt und entlässt ihn. Und die 20 Millionen Rupien Frage kann endlich gestellt werden.
Mit KLEINE MORDE UNTER FREUNDEN ( Shallow Grave ) begann 1994 die Karriere des Regisseurs Danny Boyle. Obwohl er mit dem einfachen Erstlingswerk sehr wohl Aufmerksamkeit erreichte, schaffte Danny den wahren Durchbruch zwei Jahre später.1996 katapultierte er seinen Namen in ungeahnte Sphären als TRAINSPOTTING - NEUE HELDEN sensationelle Kritiken einsammelte. Fortan wurde Danny als neues Genie am Filmemacherhimmel gefeiert. 1997 folgte der kontroverse LEBE LIEBER UNGEWÖHNLICH, 2000 THE BEACH mit Leonardo DiCaprio. Als er das Stilmittel 2002 für 28 DAYS LATER änderte, und wegen der Realitätsnähe auf eine MiniDV Kamera umstieg, wurde er erneut begeistert empfangen und von nun an als Kultregisseur betitelt. Danach war es ein wenig ruhiger um ihn, bevor er sich 2007 mit dem unterschätzten SUNSHINE in der Öffentlichkeit zeigte. Mit SLUMDOG MILLIONÄR scheint er nun wieder einen ganz großen Coup gelandet zu sein, schließlich ist er gerade dabei an diversen Festivals als strahlender Sieger hervorzugehen.
Das Danny Boyle bei seinen Werken immer den selben Stil verwendet, kann der Zuseher wohl wirklich nicht behaupten. Während er sich bei TRAINSPOTTING einer unglaublich schnellen Schnitttechnik bedient, lässt er diese bei THE BEACH völlig weg. Hier geht es wesentlich ruhiger zu und fasziniert eher mit schönen ästhetischen Bildern, und lässt dabei die Geschichte wirken. Für 28 DAYS LATER zählt plötzlich die makellose Bildsprache nicht mehr so sehr. Hier erlaubt Danny eher eine sehr nahe und unruhige Kamera. Für SUNSHINE setzt der Regisseur wieder auf Optik und bietet dem Auge eine Flut an farblichen Attraktionen. SLUMDOG MILLIONÄR vereint all diese für Danny Boyle typischen Eigenschaften in sich. Er besitzt über eine sensationelle Schnitttechnik, lässt dem Inhalt genügend Zeit zum atmen, und ermöglicht angesichts der gewitzt eingesetzten Kamera, Raum für jede Menge Realität. Die Slums von Mumbai geben wegen der zwiespältigen Exotik ein einzigartiges Flair, jenes der Kinobesucher in dieser Form noch nicht gesehen hat. Danny Boyle verbindet das Land samt seiner Geschichte mit den modernen Gegebenheiten eines bekannten Medienspektakels und fügt ein persönliches Schicksal hinzu. So entstand mit SLUMDOG MILLIONÄR ein sensibles aber kraftvolles Werk, dass nicht umsonst von Kritikern in den Himmel gelobt wird. Es ist im Gesamten nicht Dannys bester Film, hier ist TRAINSPOTTING kompakter. Aber ist den Filmemacher mit SLUMDOG MILLIONÄR ein in Indien gedrehter Film gelungen, der entgegen einer riesigen BOLLYWOOD Maschinerie funktioniert, und dieses Land in gegenwärtiger und moderner Art zeigt. Wenngleich das Armenviertel Mumbai`s in ihrer Form doch auf das Gemüt drückt.
SLUMDOG MILLIONÄR ist vielschichtig. Die englisch / amerikanische Co. Produktion ist eine Komödie, die aber nur im Hintergrund wahrnehmbar ist. Wesentlich erkennbarer ist das Werk als Drama, das sich unter Anderem in der Lebensgeschichte Jamals, und folglich in der Love Story widerspiegelt. Es zeigt auch, wenngleich sich diese Tatsache mehr im Kopf des Zusehers abspielt, ein Abenteuer, welches der Protagonist bei der Odyssee seines Lebens durchmacht. Und auch als ein Dokumentarfilm, der eine für uns fremde und völlig unbekannte Welt aufarbeitet. Abgesehen der diversen Genrerichtungen ist SLUMDOG MILLIONÄR aber vor allem ein “ Regie “ Film, der in seiner Konsequenz beeindruckend umgesetzt wurde. Im Vorfeld und beim Sehen des Trailers könnte der Zuseher eine Art BOLLYWOOD Film erwarten. Aber dies ist zum Glück nicht der Fall. Im Gegenteil; Danny Boyle lässt das aufgesetzte “ Glücksgefühl “, die jene Filme aus dieser Ecke der Welt üblicherweise beinhalten, nicht zu. Auch die übertriebenen kitschigen Farben sind hier fehl am Platz. Eine Oberflächlichkeit, die in BOLLYWOOD Filmen stets präsent ist, kommt für Danny nicht in Frage. Die einzige Verneigung, für die gigantische aber für den hier zu schreibenden Kritiker völlig überflüssige Filmwelt, findet im Abspann statt, indem er das gesamte Ensemble zum Tanz bittet.
SLUMDOG MILLIONÄR wird, neben den bereits erwähnten “ direktiven “ Künsten, vorrangig von der Geschichte geprägt. Diese weist jedoch kleine Schwächen auf, die zwar keine Logiklöcher aufweisen, jedoch zumindest fragwürdig sind. Wegen der Abneigung zuviel verraten zu wollen, werden hier keine exakten Beispiele genannt. Aber man sollte beim Sehen der TV Show das Regelwerk betrachten. Und auch das Begründen für das Wissen der Fragen steht seltsamerweise chronologisch mit dem Älterwerden des Protagonisten in Verbindung. Dies sind aber zugegeben nur geringe Schwächen, die keineswegs den Gesamteindruck trüben.
Die Darsteller sind hierzulande weitgehend unbekannt. Nur Anil Kapoor, der Moderator der WER WIRD MILLIONÄR Show, ist in deren Breiten eine Größe. Er legt seine Rolle wenig sympathisch und zynisch an. Ihm liegt es, die Schwächen des Kandidaten offen zu legen, und sie lächerlich zu machen. Es ist demnach kein frecher Witz eines Günter Jauch, oder einer volkstümlichen Offenheit eines Armin Assinger zu erkennen. Möglicherweise liegt es daran, das Anil in heimischen Produktionen meist den Bösewicht mimt, und ihn diese Eigenschaft am besten passt. Die weiteren Hauptdarsteller sind, bis auf wenige Fernsehauftritte, neu. Deshalb wirken sie allesamt frisch, obwohl man ihnen ein wenig die fehlende Routine anmerkt. Aber sie machen ihre Unerfahrenheit wieder mit jeder Menge Engagement wett. Es steht diesem Produkt gut, auf unverbrauchte Gesichter zu setzen. Und es stellt sich als kluger Schachzug heraus keine internationale Stars zu verwenden.
Fazit:
Die Geschichte von Jamal Malik gibt all die Antworten auf Fragen die das Leben schreibt. Regisseur Danny Boyle fügt dieser berührenden Story seine enormen Fähigkeiten als Filmemacher hinzu, und verpackt sie in eine für uns fremde Welt. Das Ergebnis ist SLUMDOG MILLIONÄR; ein Film der nachhaltig haften bleibt und unbedingt gesehen werden sollte. Großes Kino !
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