Nach einer Verzögerung von 2 Jahren ist es endlich gelungen, den von der Kritik höchst gelobten und vom Publikum geliebten Half Nelson auch in die österreichischen Kinos zu bringen. Dank Polyfilm dürfen sich auch die heimischen Zuschauer einen der bemerkenswertesten amerikanischen Indie-Filme gönnen.
Die beiden außergewöhnlichen Filmkünstler Ryan Fleck und Anna Boden gelingt ein sensibles, überwältigendes Porträt der heutigen US-(Slum)-Gesellschaft. Man muss bei diesen beiden den Omnibegriff des „Filmkünstlers“ wählen, da sie derartig wichtige und große Talente in einander vereinen. Sie erfüllen zusammen die Rolle des Autors, des Regisseurs, der Produzenten und des Cutters. Als Grundmotiv wählen die beiden eine asiatische Philosophie: Jing und Jang. Ein Leben kann nicht einfach als die simple Aneinanderreihung der Handlungen betrachtet werden. Ein Mensch ist viel mehr als die Summe seiner Teile. Eine Person besteht aus Widersprüchlichkeiten, die jene gezielt in unterschiedliche Richtungen ziehen. Die Post-911-Gesellschaft ist von dem Suchen nach wahrer Stabilität geprägt. Die Menschen irren umher und wissen nicht, was genau zu tun ist. Vielmehr versuchen sie in einer groben Einteilung in wiederkehrenden Schemas die Wahrheit der Existenz zu finden. Live is just not that simple. Die Protagonisten in Half Nelson sind Menschen, die von ihren Freunden gekannt und geliebt werden – aber zugleich sind sie völlig andere Menschen, die nicht einmal von sich selber durchschaut werden. Sie werden in Handlungen getrieben, gezogen, die sie versuchen zu vermeiden und dennoch finden sie sich in der Haut einer Person wieder, die sie nicht kennen. Diese agieren in einer Welt, die ebenso wenig sich selbst wiedererkennt wie ihre Insassen. Der Mensch per se ist kein homogenes Gebilde, so kann es auch nicht die Gesellschaft sein. Half Nelson versteht sich als eine kongeniale Analyse eines Amerikas, das sich selber nicht erkennt. Eines Landes, das den einfachen Weg sucht, aber ihn nicht findet. So gesteht sich der Protagonist, stellvertretend für die ganze Bevölkerung, selber ein: „I don't know...“
Die Rolle dieser schizophrene Hauptfigur, welche sich in einer zwiespältigen Welt nicht zurecht findet, konnte der höchst begabte Ryan Gosling für sich gewinnen. Und was soll man sagen: Der autodidaktische Schauspieler, der seit Jahren über die Leinwand amerikanischer Filme geistert, beweist abermals, dass er zu einen der größten seiner Generation zählt! Es gibt kaum einen anderen jungen Schauspieler Hollywoods der eine solch starke Ausdruckskraft besitzt, welcher er aber in jeder Rolle situieren kann. In einem Moment schlüpft er in das Leben des seltsamen Einzelgängers Lars in Lars and the Real Girl, doch in der nächsten Sekunde zieht er sich schon die Haut des kafkaesken Henrys in Marc Forsters Stay über. Ryan Gosling war gerade dank seines gigantischen Schauspielspektrums die perfekte Wahl für diese Figur, die sich sowohl als sorgender Lehrer als auch Drogensüchtiger fühlt. Zu Recht erhielt der Ausnahmeschauspieler eine Oscarnominierung für diesen Part. Zu Unrecht wurde ihm diese Ehre in all seinen Schauspieljahren verwehrt. Doch was nicht ist, wird doch hoffentlich noch werden!
Fazit:
Kein moralisierender Zeigefinger. Kein tristes Zuschaustellen. Kein klischeehafte Überzeichnen. Half Nelson ist Jing und Jang in einem: Pures Leben, welches sich auf der fiktiven Leinwand entfalten kann.
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