ZEITEN DES AUFRUHRS wirft einen Blick auf ein typisch amerikanisches Ehepaar der fünfziger Jahre. April und Frank Wheeler leben in der REVOLUTIONARY ROAD. Ihr Traum besteht darin, dieser heimischen aber normalen Umgebung zu entfliehen, und nach Paris zu ziehen. Weg von den Leuten von denen sie eingezäunt sind, und von denen sie glauben unter ihrer Würde zu sein. Die Wheelers sehen sich extravaganter, außergewöhnlicher und interessanter, und das passt nun mal wesentlich besser nach Frankreich. Daher ist es ihr Ziel ihren Ansprüchen folgen zu wollen und einen Befreiungsschlag aus der urbanen Umgebung zu begehen. Doch so einfach verhält sich die Lage nicht, denn die Realität verwischt zunehmend den einst so großen Traum. Das Normale erhält langsam die Oberhand. Franks nichts sagender Job beginnt ihm allmählich zu gefallen. Seine Kollegen, besonders eine hübsche Weibliche, erfordern immer mehr Aufmerksamkeit, sodass sein einst geträumter Wunsch immer mehr in der Finsternis verschwindet. Auch April ist nicht mehr sicher, die Begierden und ihre Sehnsüchten nur noch mit ihrem Mann zu teilen. Aber anders als ihr Mann kämpft sie um ihren Traum und versucht mit einem Schachzug noch einmal das Steuer herumzureißen. Es sollte ihre letzte Chance werden, dem normalen Leben in Connecticut zu entfliehen und ein Neues in Paris zu beginnen.
“ Willkommen in der quälend langweiligen Welt des Sam Mendes !!! “
Ohne Frage versteht der Regisseur Sam Mendes sein Handwerk. Und es steht wohl außer Diskussion dass der Filmemacher seine Charaktere zielführend lenken kann. Daher sind die gezeigten Bilder in ZEITEN DES AUFRUHRS und die beinhalteten Darsteller schön anzusehen. Warum soll sich also der Zuseher in einer öden Welt wieder finden? Der Grund liegt klar auf der Hand. Denn zum einen bietet das Drehbuch keine nennenswerten Höhepunkte. Der Inhalt fließt für zwei Stunden geduldig auf einer Ebene. Der Andere, der wesentlichere Grund ist, das Sam Mendes ein Tempo vorgibt das mit der Bezeichnung Zeitlupe untertrieben scheint. Der Besucher fühlt den Film als sähe er ihn in Einzelbildschaltung. Außerdem wiederkehren ähnliche Szenen, sodass zur tödlichen Langeweile auch ein “ Kenn ich schon “ Gefühl entsteht.
Dabei handelt es sich bei der Vorlage um einen Bestseller. Der 1992 verstorbene Schriftsteller und Essayist Richard Yates, man nimmt an das sein enormer Alkohol und Zigarettenkonsum an seinem Tod schuld ist, verfasste 1961 seine wohl berühmteste Novelle REVOLUTIONARY ROAD. Diese wurde von dem noch unerfahrenen Autor Justin Haythe für die große Leinwand in ein Drehbuch umgewandelt. Nicht das Justins Arbeit ungenügend war. Keineswegs, immerhin werden die Empfindungen exakt gezeichnet, und der innerliche Verfall deutlich gemacht. Nur ein Buch, in dem inhaltlich fast ausschließlich Charakterstudien gezeigt werden, und somit keine sichtlichen Knalleffekte stattfinden, mit einer Regie kreuzen, die vor Trägheit nur so strotzt? Das kann beim besten Willen nicht gut gehen. Da können selbst passablen Kameraeinstellungen und die namhaften Darsteller nichts mehr retten. Dazu wurde ein Soundtrack gewählt, der von Minimalismus geprägt wird. Diese drei Komponenten ergeben für den Zuseher eine tödliche Kombination.
11 Jahre sind ins Land gezogen, seit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in TITANIC als Hollywoods Traumpaar geboren wurde. Und beiden Schauspielern gelang es über die lange Zeit jene damals erreichte Stufe zu halten, obwohl sich ihre beruflichen Wege trennten. Mehr als ein Jahrzehnt später führt sie nun ZEITEN DES AUFRUHRS wieder zusammen. Kate, die vor kurzem noch schwor niemals für eine Rolle abzunehmen, verlor 15 Kilogramm um April Wheeler glaubhaft darzustellen. War sie zuletzt im genreähnlichen Film LITTLE CHILDREN noch anziehend rundlich anzusehen, verliert sie durch ihr markanteres Erscheinungsbild ein wenig an Wirkung. Trotz allem verkörpert sie ihren Part glaubhaft und eindringlich. Leonardos Handicap ist, eigentlich wie immer, er selbst. Man sieht bei seiner Performance niemals den zu spielenden Charakter, sondern Leonardo DiCaprio. Dass er aus sich selbst ausbrechen kann konnte er in seiner Laufbahn erst einmal beweisen, als er 1993 in GILBERT GRAPE den zurückgebliebenen Arnie spielte. Damals war keine Spur seiner Person zu sehen.
Dem 1965 in Berkshire geborenen Engländer Sam Mendes gelang mit dem Einstiegswerk AMERICAN BEAUTY sofort der Durchbruch in die Elite der Top Regisseure Hollywoods. Zur Jahrtausendwende wurde er für diesen Film mit dem begehrten Oscar ausgezeichnet. Danach folgten mit ROAD TO PERTITION ( 2002 ) und JARHEAD ( 2005 ) weitere zustimmende Produkte aus seiner Hand. REVOLUTIONARY ROAD, so der englische Originaltitel, ist durch die bereits erwähnten Umstände der bislang unglücklichste Film des Filmemachers. Selbst der optimistische Zuseher wird mit Fortdauer einen Kampf mit der entstehenden Müdigkeit aufnehmen müssen. Aber keine Angst, denn verliert man die Überwindung für einige Minuten, und wacht entsetzt wieder auf, dann wird dem Zuseher nie der Eindruck suggeriert, er hätte etwas verpasst. Zu langsam verbraucht ZEIT DES AUFRUHRS seine Zeit.
Fazit:
Warum REVOLUTIONARY ROAD in allen Fachkreisen als heißer Oscaranwärter gilt, ist für den hier zu schreibenden Quengler kaum erklärbar. Möglicherweise blendet die seriöse Handhabe der Regie über die erschlaffende Tristesse des Gesamten hinweg. Wahrscheinlich ist es aber der erreichte Stellenwert eines Sam Mendes, die den Verantwortlichen der Academy ihre Stimme entlockt. Tatsächlich bleibt das hier zu kritisierende Werk vom Niveau zwei Klassen unter jenen vergleichbaren Dramen.
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