Jeder Filmfan kennt das Gefühl bestimmte Filme einfach sehen zu müssen, völlig egal ob er sie interessiert oder nicht. Um mitreden zu können und seinem Ruf gerecht zu werden kommt man oft der Verpflichtung nach Filme der Vollständigkeit zuliebe zu sehen. Einer dieser Filme war für mich Der Pate von Francis Ford Coppola. Ich bin offen gestanden kein Freund von Gangsterfilmen, schon gar nicht wenn es sich dabei um ruhige, sich ewig lang ziehende Charakterstudien handelt. Sowohl gegen Filme älteren Baujahres als auch gegen langsame Filme habe ich absolut nichts einzuwenden, doch bis heute ist mir unklar warum zum Geier Der Pate vom Großteil der Menschheit als bester Film bezeichnet wird. Seine beiden Nachfolger standen anfangs auch "auf dem Plan", doch nach dem ersten Teil war für mich Schluss - ich hab DEN Film nun endlich gesehen, aber mehr musste nicht sein. Nach einer mehr oder weniger langen Erholzeit beschloss ich mich dem nächsten Film zu nähern der mit Coppola's "Meisterwerk" oft in einem Satz fällt - SCARFACE, das Remake von 1983 mit Al Pacino in der Hauptrolle. Der konnte mich zwar auch nicht umhauen, bot aber schon wesentlich mehr Unterhaltung und Tempo. Für überbewertet hielt ich aber auch ihn im Nachhinein. Und da nun seit kurzem das Bluray-Release des Films in Arbeit ist nahm ich dies zum Anlass dem Film eine weitere Chance zu geben. Vielleicht könnte er mich ja diesmal überzeugen...
Antonio Montana... wohl die berühmteste Filmfigur über die die Geschichte "vom Tellerwäscher zum Millionär" erzählt wird und in der das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" derartig im Vordergrund steht. Dass an einigen Darstellern eine für ihre Karriere maßgebliche Rolle haften bleibt dürfte allseits bekannt sein; so wird Harrison Ford immer Indiana Jones sein, Bruce Willis der ausgebrannte John McClane und auch Schwarzenegger wird uns immer als Terminator in Erinnerung bleiben. Und eines steht fest, auch wenn ich noch so daran zweifelte, dass Al Pacino für viele nur Toni Montana ist kann ich absolut nachvollziehen! Auch wenn er trotz seines Talents nicht zu meinen Lieblingsdarstellern zählt und ich ihn nur in wenigen Filmen überzeugend erleben durfte, lebt SCARFACE einzig und allein von seiner grandiosen Leistung. Er lebt seine Rolle förmlich, weswegen man sie ihm auch zu jeder Zeit abkauft. Ob nun als tellerwaschender Einwanderer, als Aufsteiger oder als Größenwahnsinniger - absolut packend und intensiv gespielt, für mich liefert Pacino hier zweifellos die beste Leistung seiner Karriere ab.
Bei der Laufzeit von knapp 2 Stunden 45 Minuten war ich von Anfang an skeptisch, denn ein Genrefilm wie ich ihn normal meide (der Gangsterfilm) muss schon außerordentlich gut sein um mich bei dieser Lauflänge nicht zu langweilen. Gut, auch wenn der Film Höhen und Tiefen hat was bei dieser Dauer mehr als verständlich ist, wird der Film nie zäh und hält einen bei Laune. Man setzt nicht nur auf Dialoge - und einige aus SCARFACE haben völlig zurecht Kultstatus - sondern lässt es auch mal krachen. Die Schießereien verlaufen allesamt recht blutig, sodass eine 18er Freigabe durchaus gerechtfertigt ist, die Indizierung in Deutschland aber auf veralteten Maßstäben beruht. Shootouts müssen in vielen Filmen keinen weiteren Sinn ergeben und einfach nur mit spektakulären Bildern den Zuschauer beeindrucken, doch in SCARFACE ist es die Gefahr die ständig in der Luft liegt und die Szenen in denen es hart auf hart kommt erst so intensiv machen. Diese von Gewalt bestimmten Szenen wollen aber nicht nur optisch präsent sein, sondern auch den Zuschauer bedrücken - und das gelingt durchwegs. Für mich eine DER Stärken des Films.
Alles dreht sich hier um Al Pacino, daran gibt's nichts zu rütteln, aber auch Michelle Pfeiffer, F. Murray Abraham und Harris Yulin spielen wirklich sehr gut und sorgen dafür, dass man auch die anderen Charaktere nicht vergisst. Der Aufbau des ganzen Films ist wie üblich in 3 Teile geteilt - man begleitet Montana von ganz unten, nach ganz oben, bis es wieder nach unten geht. Ein Kreislauf den auch in der realen Welt viele nur zu gut kennen. Inszeniert ist das ganze im unverkennbaren 80er Stil, was alleine durch die Musik auffällt - herrlich.
Zusammenfassend bleibt mir nur zu sagen, dass mir der Film sehr gut gefällt, doch eines der größten Werke der Filmgeschichte ist er in meinen Augen nicht. SCARFACE lebt von den atemberaubenden schauspielerischen Darbietungen - allen voran natürlich von Al Pacino - und seiner tolen Inszenierung. Ein Meisterwerk? Nicht unbedingt. Ein Kultfilm? Definitiv!
8/10 Brusthaartoupets
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