Als Trudi (Hannelore Elsner) erfährt, dass ihr Mann Rudi (Elmar Wepper) schwer krank ist und nur mehr wenige Monate zu leben hat, verheimlicht sie ihm diese Diagnose und beschließt stattdessen, die verbleibende Zeit noch zu nützen. Rudi ist alles andere als unternehmungslustig, sondern lebt viel lieber in seinem beschaulichen Kontinuum. Das Ehepaar macht sich zunächst auf nach Berlin, um zwei ihrer drei Kinder zu besuchen. Doch diese haben nur sehr wenig Zeit für ihre Eltern und lassen sie dies auch spüren. Nur Franzi (Nadja Uhl), der Lebensgefährtin ihrer Tochter Karolin (Birgit Minichmayr), verbringt sehr viel Zeit mit ihnen. Trudi und Rudi fahren weiter an die Ostsee – erst dort sprechen sie zum ersten Mal über den Tod. Doch bevor Trudi ihrem Mann die Wahrheit sagen kann, kommt alles anders: Rudi findet sie eines Morgens tot neben sich.
Die Familie ist fassungslos, und zum Begräbnis der Mutter kommt auch Karl, ihr dritter Sohn aus Japan angereist. Doch wirkliche Anteilnahme zeigt ebenfalls wieder nur Franzi, die sich um den allein gelassenen Rudi kümmert. Der Tod seiner Frau hat ihn nachdenklich gemacht, und er fasst einen Entschluss: Trudis sehnlichsten Wunsch, Butoh-Tänzerin zu werden, hat sie sich in ihrem Leben nie erfüllt. Nun ist es an Rudi, den Traum seiner Frau zu verwirklichen. Er packt die Koffer und fährt zu seinem Sohn nach Japan. Schon bald macht er dort die Bekanntschaft mit der jungen Butoh-Tänzerin Yu. Und mit ihr macht er sich auf seine letzte große Reise zum Mount Fuji…
In ihrem neuen Film setzt sich Doris Dörrie mit einer Familiengeschichte auseinander, die in der heutigen Zeit nur all zu real erscheint und doch schon zumindest über 50 Jahre alt ist. Denn für die erste Hälfte von Kirschblüten steht ganz klar Yasujiro Ozus Tokyo Monogatari – Eine Reise nach Tokio aus dem Jahr 1953 Pate. In diesem Meisterwerk des in unseren Breitengraden leider viel zu unbekannten japanischen Regisseurs, geht es ebenfalls um ein älteres Ehepaar, das noch einmal seine Kinder besucht um schließlich festzustellen, dass ihre Kinder viel zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt sind, um sich mit den Eltern auseinanderzusetzen. Hier wie da ist es ein Nicht-Familienmitglied, das im Endeffekt viel besser zu den Eltern durchdringt. Ozus Filme sprühen vor Liebe zu den Dingen, die sie zeigen, von ruhiger Gelassenheit und auch von feinem Humor, der oft an den Passagen entsteht, wo Personen darauf verzichten, etwas zu sagen.
Dörrie schafft es nicht nur, diese Liebe für das Gezeigte auch in ihren Film zu transportieren, sondern transportiert die visuelle Ebene der Ozu Filme auch ins neue Jahrtausend, ohne den „Spirit“ zu verlieren. Starre Einstellungen, begrenzt durch Türrahmen oder Wände weichen einer sehr lebendigen Kameraführung. Auch die musikalische Ebene des Films vermag zu überzeugen. Bereits die ersten Takte der Filmmusik – „Little Black Book“ von Yoko Kanno – fassen die leisen Emotionen des Films zusammen. Es könnte sich somit um Liebe auf den ersten Ton handeln – wenn der Einstieg gefällt, gefallen auch die 122 noch kommenden Minuten. Fast zumindest, denn vor allem in der zweiten Hälfte sind kleinere Längen auszumachen und man wird das Gefühl nicht los, dass ein paar Szenen doch gestrafft hätten werden können. Wie dem auch sei – Dörrie schildert ein vielschichtiges Bild von Japan in der zweiten Hälfte des Films, wenn Kunst Armut trifft, reiche Männer in Striplokalen abhängen oder auf der Straße „Free Hugs“ verteilt werden. Dörrie verzichtet auf Kitsch, und ist dennoch romantisch – Japanfreunde werden diesen Film lieben!
Die Vorurteile, die man einem bekannten Fernsehstar wie Elmar Wepper gegenüber hegt, können zahlreich sein – doch die Performance, die dieser Mann als Rudi Angermeier abgibt, ist schlichtweg phänomenal. Wepper ist nicht nur jede Sekunde voll da, sondern spielt seine Rolle unvergesslich stark. Selbst am Schluss, als Butoh-Tänzer, weiß bemalt, im Kimono gibt er seiner Figur nicht einen Augenblick lang der Lächerlichkeit preis – was an dieser Stelle nur zu einfach hätte passieren können. Wepper vermag es, seinen Rudi zunächst als liebenswürdigen, wenn auch etwas kauzigen, typischen Kleinbürger darzustellen, der schließlich gebrochen ist, und sich mit neuer Kraft dem Leben zuwendet. Auch die restlichen Darsteller spielen nicht nur famos, sondern fügen sich nahtlos in die filmische Realität ein, die uns vermutlich deshalb so nahe geht, weil sie nicht nur mit der Angst vor dem Tod, sondern auch mit der Angst vor dem Leben spielt. Und steht am Ende dessen auch der Tod, so ist Kirschblüten eindeutig ein Film über das Leben, über die Verwirklichung seiner Träume und nicht zuletzt über die wahre Liebe. Selten zuvor füllte ein Lächeln, ein Händedruck oder ein Kuss einen Kinosaal mit so viel Wärme, wie es Elmar Wepper und Hannelore Elsner in Kirschblüten tun.
UPDATE VOM 15.04.2008 Ein Interview mit Elmar Wepper ist unter obigem Link nachzulesen!
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