Film ist ein wichtiges Medium, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Leider scheinen wir dies in der heutigen Kinolandschaft, die uns mit banalen Liebeskomödien und realitätsfremden Science-Fiction-Thrillern berauscht, zu vergessen. Das einzige Thema der Geschichte, welches immer wieder in den Filmen zu Tode geredet und gespielt wird, ist die Schreckensherrschaft von Adolf Hitlers in den 30ern und 40ern. Dieses dient jedoch meist auch nur, um die glorreichen Taten des amerikanischen Volkes zu rühmen. Zwar gibt es dutzende gute Filme über das Drama des 2. Weltkrieges, jedoch trauen sich nur wenige Filme ehrlich von wichtigen Themen der Menschheitsgeschichte zu reden – einer dieser ist
4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage von Cristian Mungiu. Ohne oberflächliche Geheimdienstgestalten oder mit pseudophilosophische und pathetische Dialogzeilen um sich zu werfen, gelang dem Rumänen eine bemerkenswerte Analyse über die letzten Jahre der Ceauşescu-Diktatur.
Während in den meisten Ländern in den späten 60ern eine liberalere Familienpolitik nach dem Vorbild der 68er Bewegung einzuführen versucht wurde, beschloss der Diktator in Rumänien eine strenge Kontrollpolitik einzusetzen, die von starken Eingriffen in die Privatsphäre geprägt war. Da weder Verhütung noch Abtreibung legal waren, wendeten sich viele Frauen an zweifelhafte Gestalten, die den Embryo im weiblichen Körper töten sollten. Ein riskantes Unterfangen, das meist entweder mit Gefängnisstrafen oder dem eigenen Tod endete. Zigtausende Frauen sind gestorben –
4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile ist ihre Geschichte. Die Unterdrückung der Charaktere des Films ist schon in den ersten Minuten zu spüren. Das Nichtaussprechen der Tat, welche die Protagonistinnen vorhaben, ist ein Anzeichen für die Kriminalität des Streichs. Die Kontrolle über die Bevölkerung wird im Film nur selten symbolisch direkt angesprochen, wie etwa eine Ticketkontrolleurin im Bus. Meist hängt die Überwachung eher unsichtbar einem Damoklesschwert gleich über den Häuptern der Figuren. Besonders in dem grandiosen Finale wächst die beklemmende Atmosphäre ins Unermessliche. Mungiu setzt in seinem Film sehr stark auf lange Plansequenzen, die den Zuschauer durch ihre düsteren Einstellungen und ihrer angespannten Stimmung mitreißen werden. Hier verließ sich der Filmemacher in Gänze auf seine beiden, tollen weiblichen Hauptartisten, die die Anspannung der Szene verstärken, jedoch hierbei niemals ins Unreale schlittern. Wenn Gabita durch die Gassen in der Dunkelheit schleicht, Musik und zusätzliche Beleuchtung aufgrund der Intensität gänzlich aus dem Film gestrichen, die Figuren nur durch die Schatten erahnbar, wird in der kühlen Stille nur das Herzklopfen des Mitzuschauers hörbar sein.
Dem Regisseur Cristian Mungiu gelang der große Clou, indem er dem Zuseher größtenteils im Unwissen tapsen lässt. Neben der Tatsache, dass der Zuschauer erst nach dem ersten Drittel überhaupt erfährt, worum der Film handle, kann er nie erahnen, was sich hinter den nächsten Szenen verstecken würde. Mungiu scheint gekonnt den Satz des Soziologen Erving Goffmans angewendet zu haben: Jedes Stück ist einem Krimi gleich. Der Zuseher muss sich durch das Geschehen kämpfen, indem er all die Dialogfetzen zusammensetzen versucht. Erst in der letzten Minute kann er das gesamte Ganze erkennen. Beeindruckend führt der Regisseur den Zuseher in ein kafkaeskes Labyrinth des Unwissens, aus welchen der Zuseher zu entkommen versucht, jedoch der sirenenartige, hypnotische Bilderrausch ihn am Kinositz gebannt gefesselt hält.
Fazit:
Lange düstere Einstellungen, dunkle Klänge im Hintergrund und ein packendes Thema. Cristian Mungiu gelang mit
4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage ein intensives Filmerlebnis der Sonderklasse, welches selbst den Hartgesottensten unter uns nicht kalt lassen kann.
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