Ang Lee (Brokeback Mountain) ist mit Gefahr und Begierde mehr denn je auf das Parkett der internationalen Filmgrößen zurück gekehrt – konnte sein Film doch bei der Biennale di Venezia gleich zwei der begehrten goldenen Löwen abräumen, darunter für die beste Regie. Gefahr und Begierde erstreckt sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren und erzählt eine beinahe epische Story, bei der eine Person im Mittelpunkt steht, Tang Wei als junge Schauspielerin und Widerstandskämpferin Wong Chai Chi vermag bereits in ihrem ersten Film eine starke Präsenz auszustrahlen und zu vermitteln. Ihr zur Seite stehen Bekanntheiten wie Tony Leung (Hard Boiled, 1992, 2046, 2004), als gefühlskalter Mr. Yee und Joan Chen (Twin Peaks) als naive Ehefrau. Selbst Bollywoodstar Anupam Kher, der zuletzt in Rang de Basanti, einem Film mit ganz ähnlicher Story, spielte, gibt sich für einen Kurzauftritt die Ehre.
Vor allem die teilweise sehr expliziten Sexszenen, über welche der Film ab der zweiten Hälfte verfügt, waren bereits im Vorfeld Thema Nummer eins in den Schlagzeilen diverser filmberichterstattender Medien. Wer nun allerdings hofft, einen schmuddeligen Erotikfilm vorzufinden, der wird in dieser Erwartung wohl etwas enttäuscht sein: Ja, Ang Lee ist (nicht immer) sehr detailfreudig bei der Sache und inszeniert stilvoll, ja erotisch. Doch sie sind nur Beiwerk und sollen die Ambivalenz der Beziehung von Mr. Yee zu Wong Chia Chi verdeutlichen. Ihr erstes intimes Zusammensein ist nämlich weit weniger „romantisch“ als man vermuten möchte.
Gefahr und Begierde - schon der Titel impliziert ein Wechselbad der Gefühle, eine Gratwanderung, zwei Begriffe, die sich in diesem Fall eigentlich ausschließen, aber es nicht tun. Interessant auch, dass im Gegensatz zum internationalen Filmtitel „Lust, Caution“ nun die Gefahr an erster und das Verlangen an zweiter Stelle steht. Der Film – übrigens nach der gleichnamigen Romanvorlage von Eileen Chang aus dem Jahr 1979 – dreht sich auch um diese beiden Begriffe und erzählt eine eigentlich nicht ganz so neue Geschichte. Ein Mörder (in dem Fall eine Mörderin), der sich in emotionale Abhängigkeit seines Opfers begibt – damit wurde nicht gerade das Rad neu erfunden. Besonders ist auch nicht unbedingt die Erzählweise des Films, der kurz vor seinem Schluss beginnt, dann vier Jahre in der Zeit zurückspringt um schließlich wieder an seinen Beginn anzuknüpfen und die Geschichte zu Ende zu spinnen. Das besondere an Ang Lees Film ist die elegante Inszenierung: Die Bilder wirken sehr durchdacht, die Musik hält sich dezent im Hintergrund und vermag dennoch zu gefallen. Und gerade dies gereicht dem Film nicht unbedingt zum Vorteil – denn trotz der handwerklich einwandfreien Umsetzung bleibt der Film auf der Leinwand: Ein Funke vermag nur selten auf den Zuschauer überzuspringen. Vielleicht liegt das an der Geschichte selbst, die ihre Elemente „Kriegsfilm“, „Untergrund-Thriller“ und „Erotikdrama“ schwer glaubhaft unter einen Hut bringt. Nach knapp 155 Minuten bleibt trotz der weiten Bandbreite an Gefühlen und Emotionen nur sehr wenig Nachhaltiges übrig. Und das ist schade.
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