London, zur verregneten Vorweihnachtszeit: In einem Friseursalon wird einem Mann die Kehle durchgeschnitten. Und in einem Geschäft bricht ein junges, offensichtlich schwangeres Mädchen blutend zusammen. Das Mädchen stirbt schließlich bei der Geburt ihrer kleinen Tochter, was der Krankenschwester Anna (Naomi Watts) ans Herz geht. Sie findet lediglich ein in Russisch geschriebenes Tagebuch mit einer Londoner Adresse in der Tasche der Toten, Tatjana, und bittet ihren russischen Onkel, es zu übersetzen. Da dieser sich anfangs sträubt, sucht Anna die Adresse auf, und findet dort den sympathischen alten Russen Seymon (Armin Mueller-Stahl) vor, der ihr bereitwillig hilft, das Tagebuch zu übersetzen. Doch schnell bröckelt die Fassade des scheinbar freundlichen Mannes und Anna findet sich in einem Strudel von Bandenkriminalität wieder. Neben Seymon rücken vor allem dessen Sohn Kirill (Vincent Cassel) und dessen Gehilfe und Chauffeur Nikolai (Viggo Mortensen) ins Zentrum der Spirale der Gewalt. Während Kirill Anna droht, freundet sie sich auf seltsame Art und Weise mit Nikolai an…
David Cronenberg hat sich in seiner schon über 40 Jahre andauernden Karriere zu den ganz großen seiner Zunft gemausert. Und wird auch im Alter nicht weniger müde, sondern liefert immer noch unbezweifelbar Topfilme ab. Eastern Promises ist wieder so ein Film: Ihm ist eine ganz eigene Atmosphäre eigen, die ihn von den üblichen Mafiathrillern abhebt bzw. ihn von den großen Filmen des Genres unterscheidet. Cronenbergs Film lotet das „andere“ London, die Schattenseiten, die Unterwelt aus – meist sogar in Nachtaufnahmen. Die Russenmafia kontrolliert ihre Gebiete, weitestgehend ohne Einflussnahme eines öffentlichen Organs.
Die Stärken des Films liegen eindeutig in seinem Drehbuch sowie in dem Cast, das den Figuren mehr als nur Leben einhaucht. Vor allem auf Seite der „Bösen“ vermag die Besetzung wirklich nachhaltig zu beeindrucken: Sieht man den Film als lockere Variation des Rotkäppchenthemas, so ist Armin Mueller-Stahl ein Furcht einflößender böser Wolf, in dessen Falle sich Naomi Watts als etwas ahnungslose und unbedarfte typische Londonerin begibt, eine Welt, die ihr völlig fremd ist, und die sich dennoch quasi direkt vor der eigenen Haustür abspielt. Vielleicht macht gerade das den Reiz des Films aus: Während große Mafiafilme wie Goodfellas in einer so typischen amerikanischen Vorstadt spielen, dass sie schon wieder untypisch sind, fokussiert Cronenberg nicht das Umfeld, sondern das „Feld“ an sich. Der Film gibt nur wenige Hintergrundinformationen zu seinen Charakteren preis, sondern konfrontiert sie mit Situationen, in denen sie entsprechend reagieren. Erst aus dieser Reaktion bastelt sich der Zuschauer seine entsprechenden Rollenbilder zurecht.
„Eastern Promises“ – ganz falsch mit „tödliche Versprechen“ übersetzt, bezeichnet laut dem Film viel mehr die Hoffnungen, die sich Menschen aus Osteuropa vom „Westen“ machen. Tatjana hatte so einen Traum – aus dem Off liest sie aus ihrem Tagebuch, wie sie mit allerlei Illusionen und Vorstellungen von einem besseren Leben nach London gekommen ist und schließlich diese Träume zerstört wurden und mit ihnen im Endeffekt sie selbst. Paradoxerweise sind es aber gerade die „eigenen“ Landsmänner, die in der neuen Heimat das Leben des Mädchens zur Hölle werden ließen.
Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich Viggo Mortensen als Nikolai: Er will der Mafia Organisation ohne Namen um jeden Preis beitreten, der Grund dafür wird erst im späteren Verlauf des Films klar. Sein Charakter muss durchaus den schwierigsten Part meistern: Auf der einen Seite beginnt er nämlich, etwas für Anna zu empfinden und will ihr helfen, das Verbrechen, das Tatjana angetan wurde, aufzuklären, auf der anderen Seite darf er es sich dabei nicht mit seinem unmittelbaren Boss, Kirill, verscherzen. Paraderolle für Vincent Cassell als exzentrischen, hitzköpfigen und brutalen Sohn des „Paten“, der nicht erkennt, dass man Macht nicht einfach nur in den Schoß gelegt bekommt.
Der brutale Mord zu Beginn macht gleich klar, dass in den nächsten 100 Minuten eine alles andere als klinisch reine Geschichte erzählt wird. In einem Dampfbad kommt es schließlich zu einem spektakulären und hüllenlosen Kampf zwischen Nikolai und zwei Schergen. Lediglich die Antiklimax am Schluss enttäuscht ein wenig: Wer ein großes Showdown erwartet, wird definitiv enttäuscht sein von dieser etwas lahmen Auflösung. Aber vielleicht ist auch das eines der Versprechen, die sich der Zuschauer aufgrund vieler ähnlicher Filme macht, die von Cronenberg nicht eingelöst werden.
Eines sollte jedoch klar gestellt sein: Eastern Promises ist erneut ein atmosphärisches und erzählerisches Highlight in der Filmografie Cronenbergs und einer der Pflichtfilme in der Wintersaison 2007/08!
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