Als Hauptdarsteller Josef Bierbichler 1979 den Drum Major in Werner Herzogs Woyzeck verkörperte konnte man noch nicht vorhersehen welches Talent in seinem voluminösen Körper schlummert. Der 1948 in Bayern geborene Bierbichler beweist mittlerweile welch Wandlungsfähigkeit er besitzt. Von Klamauk über Dramen bis zu Shakespeare ist in seinem Repertoire vorhanden. In Winterreise repräsentiert er Franz Brenninger, einen manisch depressiven, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübten Mann dessen Grundlage essenziell bedroht ist. Seine Vielfalt ermöglicht ihm diese nicht einfache Rolle spielerisch zu meistern. Seine Präsenz ist in lauten aber auch in leisen Tönen greifbar nah und nimmt den Mittelpunkt dieses Werkes ein. Dieser Charakter ist in jeder Faser emotional spürbar und wurde Josef Bierbichler wie ein Maßanzug auf den Leib geschneidert. Faszination Mensch in Melancholie bis zum bitteren Ende.
Seine Kollegen agieren als Gegenstück sehr beruhigend. Sie dienen als Ausgleich zu den aggressiven Wutausbrüchen. Sibel Kekilli, die eine Dolmetscherin spielt, legt ihre Konzentration allein in ihre sanfte Stimme. Sibel, die bei ihrem ersten Aufeinandertreffen zugab vor dem imposanten Josef Bierbichler Angst zu haben, konzentrierte ihr Agieren auf die emotionellen Szenen. Sie und auch Hanna Schygulla verstanden es ausgezeichnet als Gegenpol zu funktionieren. Leider wurden die Beiden durch fehlendes Regieren des öfteren im Stich gelassen. In diversen Augenblicken hatte der Zuseher das Gefühl, die Darstellerinnen wissen nicht exakt, wie sie auf die männliche Rolle zu reagieren haben. Dadurch wurde ihre Performance, speziell Hannas starker Ausdruck, ein wenig eingeengt.
Hans Steinbichlers Erstlingswerk HIERANKL gewann 2006 den Adolf Grimme Preis in Gold und zählt seitdem zu den neuen deutschen Hoffnungsträgern. Der 1969 in der Schweiz geborene Regisseur wuchs in den bayrischen Alpen auf und war der Sohn eines bekannten Photographen. WINTERREISE stellt nun sein zweiter abendfüllender Spielfilm dar und dirigiert Diesen in dezenter Art und Weise. Er lässt Bierbichlers Naturgewalt, der wie ein fluchender Tornado über den Film einbricht, den Vortritt. Das tut den Film sichtbar gut, während dessen in anderen Situationen eine strukturiertere Linie dringend von Nöten gewesen wäre. Hier wäre mehr Einsatz dringend erforderlich und eine sichere Hand hätte gut getan. Steinbichler schafft es nicht den Film zu tragen und wird leider seinem ausgesuchten Ensemble in keiner Weise gerecht. Der Film verliert wenn eine Regie gefordert ist. WINTERREISE wirkt mitunter zerrissen und unfertig. Klar schaffen die Schauspieler das Interesse immer wieder zu locken, doch eine ansehnlichere Form des Delegierens hätte die Qualität gesteigert. Aber da es erst Steinbichlers zweites konzipiertes Werk ist, sollten wir diesen Umstand als Lernprozess abhaken und entschuldigen. Weitere Aufgaben werden weisen, ob dieser Regisseur zu Besseren berufen ist.
Im Film wird sinngemäß ein Satz gesprochen der nachdrücklich in jeden Gehörgang eindringen und sich im Gehirn festsetzen sollte: “ Das Leben ist die Vorbereitung des Todes, und erst der Tod selbst ist nur das Ende dieses Ablaufs “. Das bedeutet im ungekehrten Fall das man sein Leben lieben sollte, und Dieses vielleicht im ständigen Bewusstsein lebt, es irgendwann zu verlieren.
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