
Kurz und bündig: 28 Days later gehört wohl in jede gut sortierte Zombie-Filme-Sammlung. Das liegt nicht zuletzt an der sehr gut durchdachten Story und der professionellen Arbeit, die die Maske geliefert hat. Auch wenn es sich nicht um Zombies im konventionellen Sinn handelt, sondern um Infizierte, kommt das Gesamtbild sehr authentisch rüber.
Auch auf Storyebene gibt es nichts zu meckern: Ein tödlicher Virus, der durch Menschenhand ins Leben gerufen wurde, vernichtet die gesamte Bevölkerung im Englischen Königreich. Nur ein paar Menschen überleben und sind auf der Flucht oder verstecken sich vor diesen Infizierten. Der Film zeigt deutlich, wozu Menschen bzw. bestimmte Gruppen in Ausnahmezuständen fähig sind und wirkt dabei nie übertrieben oder aufgesetzt.
Bei der Erschaffung wurde auf digitale Aufnahmen gesetzt - ein Effekt, der durch seine Grobkörnigkeit nochmals die Tatsache unterstreicht, dass die Welt ganz und gar aus den Fugen geraten ist. Nicht nur dass die Kameraführung einwandfrei ist, auch der Soundtrack überzeugt über die volle Distanz und holt das Letzte aus jeder Szene heraus.
Insgesamt also ein auf allen Linien überzeugender Film, der sich vor anderen Endzeit-Zombie-Filmen nicht verstecken muss.
Auch wenn Danny Boyle & Co. Nicht müde wurden darauf hinzuweisen, dass es sich bei den Infizierten nicht um Zombies im klassischen Sinn handelt – wohl nicht zuletzt um sich nicht dem Zorn der Horror-Puristen aussetzen zu müssen – kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass "28 Days Later" das Zombie-Genre revitalisiert – und revolutioniert – hat. Statt langsam schlurfender Untoter sieht man sich hier einer rasenden Bedrohung gegenüber. Zudem dauert die Verwandlung bei einem Biss bzw. bei Kontakt mit deren Blut nicht mehr mehrere Stunden, sondern nur mehr ein paar Sekunden. Alles Elemente, die – sehr zum Missfallen des "Zombie-Vaters" George A. Romero, der es sich in seinem qualitativ in keinem Aspekt mit "28 Days Later" ebenbürtigen "Diary of the Dead" nicht nehmen ließ, seine Nachfolger darüber zu belehren, warum laufende Untote unmöglich seien – seither auch in "richtige" moderne Zombie-Filme, wie dem gelungen "Dawn of the Dead"-Remake von Zack Snyder, Einzug erlangt haben.
Aus meiner Sicht war diese Revolution überfällig. So leid es mir tut, aber ich konnte die Bedrohung durch schlurfend-hirntote Zombies in den guten alten Klassikern des Genres noch nie so recht nachvollziehen. Diese entsteht wenn überhaupt nur durch ihre Anzahl – eine Horde Untoter, die einen umzingelt und überwältigt. Doch ein einzelner Zombie? Nicht sehr beängstigend. Etwas, das ja auch von der beliebten Zombie-Parodie "Shaun oft he Dead" gekonnt aufgezeigt wurde. Bei "28 Days Later" ist dies anders. Die Infizierten rasen wie von der Tarantel gestochen hinter einem her. Einer allein ist schon beängstigend – und gefährlich – genug, in Massen scheinen sie unüberwindbar. Zuletzt überrennen sie selbst einen gut überwachten Militärstützpunkt voller ausgebildeter, bewaffneter Soldaten (wenn auch teilweise durch die Hilfe eines – uninfizierten – Mannes). Doch bereits vor diesem dramatischen Höhepunkt des Films werden die "Neo-Zombies" einige Male höchst geschickt eingesetzt, um Spannung zu erzeugen – allen voran in jener Szene, als man unter enormen Zeitdruck in einem finsteren Tunnel einen Reifen wechseln muss, während sich eine Horde an Infizierten unaufhaltsam nähert. Doch auch abseits dieser greifbaren Bedrohung verbreitet "28 Days Later" Angst und Schrecken. Bereits die ersten Einstellungen eines scheinbar menschenleeren Londons – sonst eine hektisch-überlaufene Metropole – sorgen für ein beunruhigendes Gefühl. Hier gelingt es Danny Boyle sehr überzeugend, den Eindruck zu vermitteln, dass das Ende der Welt – oder zumindest unserer Zivilisation – gekommen ist.
Wie die besten Zombie-Filme vor ihm beschränkt er sich dabei jedoch nicht einfach "nur" darauf, den Zuschauer zu verängstigen – sondern gibt diesem auch etwas zum Nachdenken mit. Während sich die uns gezeigten Überlebenden noch recht sympathisch und zivilisiert verhalten, wird vor allem das Militär, welches scheinbar blind einem größenwahnsinnigen Kommandanten folgt, kritisch beäugt – durch ihre Behandlung eines infizierten, früheren Kameraden, der geplanten Hinrichtung von Jim, vor allem aber was ihre Pläne für die Frauen betrifft. Als Jim die Flucht gelingt und sie zuerst zum Sammelpunkt lockt, um danach das Fort selbst anzugreifen, verschwimmt letztendlich die Grenze zwischen den Infizierten und den "Normalen". Rasend vor Wut fällt er über das Militär her, mordet auf brutalste Art und Weise, und sorgt dafür, dass die Infizierten den Stützpunkt erobern. Höchst interessant finde ich hierbei auch, dass er erst, als er seinen wilden, niederen Instinkten nachgibt und sich wie einer der Infizierten verhält, über die Gegner triumphiert.
Der bis dahin weitgehend unbekannte Cillian Murphy erweist sich als vielversprechende Neuentdeckung, dem es gelingt, sowohl die gutmütige als auch die "wilde" Seite von Jim überzeugend darzustellen. Auch die Nebenrollen sind sehr gut besetzt, wobei aus dem Ensemble vor allem noch Naomie Harris, Brendan Gleeson und Christopher Eccleston hervorstechen (während Megan Burns als Hannah doch etwas blass bleibt). Sehr gelungen auch John Murphy's Filmmusik, mit der die Melancholie und Verzweiflung der Welt aus "28 Days Later" auch musikalisch vermittelt wird. Vor allem das Herzstück seiner Kompositionen, "In the House - In a Heartbeat", welches erklingt als Jim sich durch die Soldaten zu Hannah und Selena vorkämpft – und damit den Höhepunkt des Films vertont – ist sehr eingängig. Nicht umsonst war es nicht nur in der Fortsetzung prominent (und häufig) vertreten, sondern z.B. auch in "Kick-Ass", wo eine von Murphy selbst neu interpretierte Fassung während Big Daddy's Angriff zu hören war. Danny Boyle's Inszenierung ist grundsätzlich ebenfalls zu den Stärken zu zählen. Zu Beginn begeistern vor allem die Bilder eines verlassenen Londons, doch auch die späteren "Zombie"-Angriffe setzt er sehr atmosphärisch und spannend um. Mein einziger Kritikpunkt, sowohl was die Inszenierung als auch den Film an sich betrifft, ist die Verwendung von damals noch nicht ausgereiften digitalen Kameras. Was wohl zum Realismus des Geschehens beitragen sollte, reißt einen ganz im Gegenteil immer wieder aus dem Geschehen – vor allem in den helleren Szenen, in denen das Bild zum Überstrahlen neigt. Als häufiger Filmkonsument ist man den typischen "Film"-Look einfach mittlerweile so gewohnt, dass diese Bilder unnatürlich und unecht wirken. Auf meine grundlegende Begeisterung gegenüber "28 Days Later" hat dieser Kritikpunkt jedoch kaum einen Einfluss.
Fazit:
Mit "28 Days Later" gelang es Danny Boyle nicht einfach "nur", dem zu diesem Zeitpunkt wie ein Untoter dahinschlurfenden Zombie-Genre neues Leben einzuhauchen, sondern einen modernen Klassiker des Horror-Genres zu erschaffen. Einen bedrückenden, nachdenklich machenden Endzeit-Thriller mit einigen ungemein spannenden Szenen, aber auch einer ordentlichen Portion Anspruch und Gesellschaftskritik. Einzig die bescheidene Bildqualität, aufgrund der damals noch im Frühstadium befindlichen digitalen Kameras, trübt den positiven Gesamteindruck ein wenig, davon abgesehen weiß jeder Aspekt der Produktion zu begeistern. Das Drehbuch von Alex Garland nimmt eine bekannte Idee, und fügt ihr zahlreiche neue, originelle Elemente hinzu. Unter der Darstellerriege sticht vor allein Cillian Murphy mit einer beeindruckenden Performance hervor. Filmmusikkomponist John Murphy wiederum gelingt es, die Atmosphäre des Films geschickt einzufangen – und vertont vor allem den denkwürdigen Showdown im Militär-Stützpunkt kongenial. Die größten Stärken des Films sind jedoch die bedrückende Grundstimmung, die erschreckenden Endzeit-Vision sowie die atmosphärisch ungemein dichte Inszenierung. Zusammen ergibt dies ein kleines Horror-Meisterwerk, dass sich Genre-Fans nicht entgehen lassen dürfen!
9/10
Review © Christian Siegel
verfasst am 04. Oktober 2011
geschrieben für und ursprünglich veröffentlicht auf http://www.fictionbox.de
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