| Menschenfeind |
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| Inhaltsangabe |
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| Mickrige dreihundert Francs und eine Pistole. Das ist alles, was dem früheren Schlachter nach 35 Jahren harter Arbeit und einem Aufenthalt im Knast geblieben ist. Kein Job, keine Liebe, keine Hoffnung. Nur Hass. Blanker, menschenverachtender, alles verzehrender Hass. Auf die Reichen, die Ausländer, die Schwulen, die Frauen. Nachdem er seine schwangere Geliebte zusammengeschlagen hat, versteckt er sich in einer billigen Absteige in Paris und steigert sich in der tristen, ausgebluteten Metropole in seine Rachephantasien hinein. Er wird zur menschlichen Zeitbombe, die jederzeit hochgehen könnte. |
| Film Kritik |
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| Wer Gaspar Noés Zweitling „Irreversible“ kennt, fragt sich vielleicht, was die Eingangsszene mit den beiden diskutierenden Häftlingen soll. Die Antwort liegt ein Stück weit in seinem Spielfilmdebüt. Denn nicht nur der Protagonist aus „Menschenfeind“ stellt einen Zusammenhang zwischen den beiden Filmen her; auch Noés Vorliebe für Motti und motivische Vorausdeutungen verbindet beide. Folglich ist der Themenkreis derselbe: Liebe und Hass, Sex und Gewalt. Weil es um diese Themen geht, geht es automatisch um ein übergeordnetes Thema, das Nietzsche schon für erledigt, für tot hielt, weil er dem modernen Menschen die Fähigkeit dazu nicht mehr zutrauen konnte: Moral. Lediglich Parameter wie Personenkonstellation, Handlungsmotiv oder Konflikt werden variiert.
Anders als später in „Irreversible“ gewährt uns Noé nicht nur den Blick auf das Handeln seines Protagonisten, sondern auch eine Innensicht, die keine Distanz kennt. Höhepunkt ist dessen stürmisch und lang inszenierter, drängender Gedankenstrom, der vor uns ausbreitet, was in Sekunden im Hirn des namenlosen Mannes durcheinanderwirbelt. Noé setzt diese Technik, mit dem Vorspann in Dia-Format beginnend, gezielt ein und verdichtet sie mit der zunehmenden Isolation seines (Anti-)Helden. Dieser einfache Schlachter stand noch nie auf der Sonnenseite des Lebens. Schneller Sex mit einer Näherin und neun Monate später das erste Kind. Die junge Mutter verlässt die Familie; in blinder Wut und der irrtümlichen Annahme ein Bauarbeiter habe seine Tochter vergewaltigt, sticht er einen unbeteiligten Arbeiter nieder, landet im Gefängnis, sein eigener Fleischerladen und sein Leben gehen den Bach runter. „Das Leben ist eine große Leere. Das war es schon immer und wird es immer bleiben. Eine große Leere, die genauso gut ohne mich ablaufen könnte. [...] Es ist ein scheiß Gefühl, dass auch noch das letzte Arschloch dasselbe gelebt hat, wie ich. [...] Du wirst allein geboren, du lebst allein, du stirbst allein. Allein, immer allein. Und selbst, wenn du fickst, bist du allein. Allein mit deinem Fleisch, allein mit deinem Leben.“ Diese Gedanken kommen ihm im Pornokino, doch eigentlich sind die Orte an denen er sich aufhält als solche egal, da sie immer nur den Raum für seine Empfindungen und Einstellungen bereitstellen. Während er irgendwo teilnahmslos anwesend ist, nimmt er noch wahr, was um ihn herum passiert, wird aber schon durch seine Gedanken und Gefühle der Umwelt entrückt. Noé setzt diesen Sinkflug durch die Schichten des sozialen Bodensatzes, diese geistige Verdunkelung eines Unzufriedenen, der sich vom Leben und allen Menschen darin betrogen fühlt, raffiniert und mit schmerzender Konsequenz in Szene. Die kurzen Schläge auf der Tonspur, die aus- und wieder einrastende Kamera, der souveräne Schnitt: all dies verrät Noés formales Talent und so werden diese Mittel effektvoll eingesetzt, um die schrittweise Erkaltung und Verhärtung der Gefühlswelt des Fleischers wiederzugeben. Da zieht einer seine Mauern hoch und rüstet sich innerlich mit sozialdarwinistischem Gedankengut; da stößt einer, der sich als Ausgestoßener erfährt, die Welt von sich. Die vom persönlichen Misserfolg erzeugte innere Leere bietet Raum für geistige Verirrung und ruft all die bösen Geister hervor, die sie mit Vorliebe anzieht: Rassismus, Sexismus, Sozialneid. Die Wut auf die Sündenböcke kumuliert zu blankem Hass; Rachephantasien stellen sich ein. In Philippe Nahon (der den Fleischer auch in der Vorgeschichte im Kurzfilm „Carne“ und in „Irreversible“ spielt) hat Noé eine reife Besetzung für seinen Fleischer gefunden. Nahon lässt seinen Charakter verharren, gibt ihm eine Behäbigkeit, einen Unwillen zur (Re-)Aktion im Umgang mit Dritten, die den Rückzug in sich selbst schon verkündet, bevor er vonstatten geht. Der Wechsel von der apathisch-katatonischen Haltung zu den mal gefährlich leisen, mal eruptiven Wut- und Gewaltausbrüchen gelingt ihm hervorragend. Wir sehen einen Mann, der so kläglich schwach ist, dass er sich selbst stark reden muss und sich durch seine manische Autosuggestion in eine laufende Zeitbombe verwandelt. Wo der Originaltitel „Seul contre tous“ eher die Selbsterfahrung und den Entwicklungsprozess des Fleischers kennzeichnet, ist der deutsche Verleihtitel („Menschenfeind“) schon an dessen Ende angekommen. Doch ist der Endzustand, der Menschenfeind, wirklich erreicht? Am Anfang gibt der Protagonist selbst eine Leitlinie des Filmes vor: „Liebe ist ein großes Wort. Wenige können sich rühmen zu wissen, was es bedeutet.“ Doch zum Schluss, mit seiner Tochter wieder im Hotelzimmer ihrer Zeugung vereint, in den Sekunden seines Gedankenstroms, entdeckt er die Liebe zu ihr. Selbst die mag egoistisch sein (und für die Gesellschaft unmoralisch) – menschenfeindlich ist sie nicht. |
| Kurz Kritik | |
|---|---|
| Story: | ![]() ![]() ![]() ![]() (4.0/5) |
| Musik: | ![]() ![]() ![]() ![]() (4.0/5) |
| Unterhaltung: | ![]() ![]() ![]() ![]() (3.5/5) |
| Anspruch: | ![]() ![]() ![]() ![]() (4.5/5) |
| Spannung: | ![]() ![]() ![]() ![]() (4.0/5) |
| Darsteller: | ![]() ![]() ![]() ![]() (4.5/5) |
| Spezialeffekte: | ![]() ![]() ![]() ![]() (4.0/5) |
| Gesamt: | ![]() ![]() ![]() ![]() (4.5/5) |
| Dieses Film Review wurde von Ruben Heim erstellt. |
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(4.0/5)